«Ola. ¿Cómo estás?.» Ich betrete die Garderobe des FC Mutschellen, sage allen 19 Spielern «Ola», schüttle ihnen die Hand. Der Trainer wirft mir Pullover, Stulpen und (viel zu) kurze Hosen hin. «Abrígate bien», sagt er. «Zieh dich warm an.» Die Fussballer blicken mich komisch an. Wenig später sitzen die 19 Fussballer und ich in der Kabine. Trainer Piu steht mit seiner Taktiktafel da und erklärt zuerst: «Wir haben heute einen Testspieler dabei. Er heisst Stefano, ist kopfballstark. Und er kommt aus Argentinien. Seine Grossmutter stammt aus Deutschland, deshalb kann er ein bisschen Deutsch. Seid nett zu ihm.» Meine neuen Mitspieler ahnen nicht, dass ich weder Argentinier noch Fussballer bin. Vermutlich auch, weil in den Testspielen zuvor schon südamerikanische Testspieler dabei waren. Trainer Piu erklärt mir vor versammelter Mannschaft dann alles noch auf Portugiesisch. Ich habe keinen Plan. Ich verstehe nur, dass ich sicherlich 15 Minuten Einsatzzeit kriege. «Muy bien», antworte ich.

Als mich Piu schelmisch lächelnd ansieht und dann beginnt, der Mannschaft die Taktik für das Testspiel zu erklären, frage ich mich heftig, ob das eine gute Idee ist. Ich fühle mich leicht unwohl. Immerhin «verarschen» wir hier 19 Menschen für mehrere Stunden. Ach, wird schon klappen. Fussballer können ja Gras fressen – und ich habe meine grosse Klappe zu verteidigen.

Stefano

Am Ursprung das Bier

Der Ursprung dieser sonderbaren Idee liegt zwei Wochen zurück. Es ist eine Bieridee. An einem Freitagabend bin ich auf einer Geburtstagsfeier. Mit dabei ist Piu. Er stürmte früher für den FC Luzern und auch lange für den FC Wohlen. Er ist 40 Jahre alt, hat eine supersympathische Familie und ist eigentlich immer gut drauf. Ebenfalls an der Geburtstagsfeier dabei ist Sergio Colacino. Auch er kickte früher beim FC Wohlen. Und spielte mit dem FC St. Gallen in der NLA – und dem UEFA-Cup. Auch Colacino ist ein herrlicher Mensch. Ein Italiener, wie er im Buche steht. Nur einiges witziger. Heute sind beide fussballpensioniert. Piu ist Trainer beim FC Mutschellen. Colacino sein Co- Trainer.

Zurück zur Geburtstagsfeier: Beim dritten (oder vielleicht vierten) Bier sagt Piu: «Du spielst doch Handball. Das ist doch voll der Weicheier-Sport. Jeder kann mit den Händen einen Ball fangen. Aber Fussball, das ist so richtig schwierig.» Seine nicht ganz ernst gemeinten Worte provozieren mich. Wir schaukeln uns gegenseitig hoch in Biersphären, wo so richtig geniale Sachen entstehen. Colacino klinkt sich ein: «Ist Handball überhaupt ein Männersport?» Wir schaukeln weiter. Hoch und höher. Und ein Bier später sind wir so weit, dass ich folgenden (dummen) Satz rauslasse: «Wenn ich bei euch Badi-Tschütteler- Pfeifen in der 3. Liga nur ein Spiel dabei wäre, würde ich mindestens drei Tore schiessen.» Ein Bier später laden mich Piu und Colacino auf ein Testspiel ein. Als Krönung beschliessen wir noch, das ganze «undercover» durchzuziehen.

«No entiendo» – nix verstehen

Und nun stehe ich da. Die Stamm-Elf läuft sich warm. Ich stehe mit fünf Fussballern im Kreis. Wir passen einander den Ball zu. «Lass uns das Dreierspiel machen», sagt ein Mutscheller. Seine Mitspieler schreiten ein: «Geht nicht, der Argentinier versteht uns nicht.» Schliesslich rufen sie «Toni», der mir das Spiel auf Italienisch versucht zu erklären. «No entiendo», sage ich. Nix verstehen. Sie versuchen es auf Deutsch. «No entiendo.» Sie versuchen es mit Händen und Füssen. Ebenfalls: «No entiendo.» Irgendwann gebe ich nach: «Aaah. Claro.

Piu und Sergio Colacino blicken öfter zu mir und lächeln. Sie murmeln meist irgendwas auf Italienisch oder Portugiesisch. Es hilft, um meine argentinische Maske zu wahren. Denn mir selbst rutschen immer wieder schweizerdeutsche Brocken aus dem Mund.

Stefano

Heimatort: «Mit Käse»

Als das Testspiel beginnt, schaltet Piu um. Vom lockeren Spassvogel zum ernsten Trainer. Der Gegner ist der FC Oftringen. Ein 3.-Liga-Klassiker. «Wir» spielen auf dem Kunstrasen der Burkertsmatt. Und die Mutscheller sind eine Klasse besser und zeigen, dass sie grandiose Persönlichkeiten haben. Beispiele: Thierry Huber. Jung, flink, technisch stark. Oder Arjen Robben aus dem Freiamt. Oder Blerim Pnishi. Die Mitspieler auf der Bank nennen ihn «Kugelblitz». Er ist etwas rundlich, bewegt sich wenig – ist aber technisch der beste Mann auf dem Platz. Piu dirigiert an der Seitenlinie. Die Spieler haben riesigen Respekt vor dem Ex-Profi und befolgen seine Worte. Zur Halbzeit führt Mutschellen 3:0.

Die Spieler stapfen in die Kabine. Ich muss aufs Klo. «Toni» läuft neben mir. Ein italienischer Wuschelkopf, der Antonello Pezzullo heisst. Wir reden miteinander. Ich tue aber immer so, als würde ich nur die Hälfte verstehen. Ziemlich anstrengend. «Was arbeitest du? Was machst du hier? Wo hast du schon gespielt?» – Alles Fragen, die ich mit «No» beantworte. «Toni» macht trotzdem weiter: «Woher kommst du in Argentinien? Buenos Aires?» Ich antworte: «No. Ich komme aus Conqueso.» Jetzt lässt es «Toni» bleiben. «Conqueso» ist ein Überbleibsel aus meinem Mexiko- Urlaub und bedeutet «mit Käse».

Stefano

Pass Richtung Sonnenuntergang

Nach der Halbzeit fallen weitere Tore. 5:2 führt Mutschellen. Wenig später ruft mich Piu und brabbelt irgendwas auf Portugiesisch zu mir. Ich habe keine Ahnung, was er meint. «Que?» frage ich. Piu wiederholt das portugiesische Wort-Rätsel. «Que?». Neben mir sitzen die Mitspieler und schnallen auch nichts. «Mach dich warm, Mann!». Okay. Wenig später hallt des Trainers Stimme durch die Burkertsmatt: «Stefanooooo! Vamos!». Also Trainingskleider aus, an die Seitenlinie stehen und so tun als wäre ich voll bereit für meinen ersten Einsatz als aktiver Argentinier.

«Nimm du den Grossen»

Wenig später. Ich bin drin. Nach 10 Sekunden meine erste Ballberührung. Annahme per Brust, technisch perfekt. «Iaaa. Iaa. Dira me», ruft ein Mitspieler. Ich blicke hoch, doch sehe ihn nicht. Die Sonne blendet. Trotzdem passe ich. Irgendwo Richtung Sonnenuntergang. Direkt zum Gegner. Piu lacht. Colacino auch. Ich blicke hinterher. Bewegen muss ich mich nicht. Bin ja ein argentinischer Starstürmer. Dann geschieht zehn Minuten nicht viel. Ich trabe vor mich hin. Manchmal flitze ich in die Tiefe. Ein Pass kommt nie. Kurz vor Schluss gibt es einen Freistoss. Colacino schnappt sich den Ball. «Sprengi. Geh einfach in die Mitte und mach ihn rein.» Okay, mach ich natürlich. Scheint auch nicht schwierig zu sein. Die Abwehrspieler des FC Oftringen sind knapp 1,70 m gross – und ich 2 Meter. Sie können sich nicht entscheiden, wer mich decken soll. «Nimm du den Grossen» – «Nein, nein, mach du.» Als die Flanke kommt, stehe ich völlig frei. Doch Colacinos Zuspiel ist zu ungenau. Trotzdem schramme ich nur Zentimeter am Torerfolg vorbei. Hinter mit montiert ein anderer Mutscheller die Kiste. 6:2.

Stefano

Unglaubliche 93. Minute

Ich muss an meine grosse Klappe denken. Von wegen «Badi-Tschütteler- Pfeifen» und «Ich mach dann schon eine Bude». Als ich mich schon damit abgefunden habe, zu scheitern und kein Tor zu erzielen, passiert das Unglaubliche. 93. Minute. Ein Mutscheller schiesst aus dem Hinterhalt. Der Oftringer Torhüter lässt die Kugel nach vorne abprallen, direkt vor meine Füsse. «Jaaaaaa!», schreit Colacino neben mir. «Make ihn rain!», ruft Piu. Ich zieh ab. Vollspannschuss. Direkt auf den Goalie, der flach am Boden liegt. Kein Tor für Stefano. «Neeeeiii!», schreit Colacino. «Man bis du eine Feiffe», ruft Piu. Wir lachen alle. Der Schiedsrichter beendet das Spiel.

Ein Mitspieler kommt zu mir, klopft mir auf die Schulter. «No Problemo. Vamos.» Das Team läuft zur Spielerbank. Trainer Piu löst die Geschichte auf. Ich bin nervös. Wie reagieren Sie? Die sympathischen Mutscheller müssen alle lachen und erzählen untereinander die einzelnen Situationen, die sie mit mir erlebt haben. Geahnt hat niemand etwas. Überraschung gelungen. Dem Team verspreche ich zwei Kisten Bier. Das funktioniert im Fussball und im Handball. Als Wiedergutmachung quasi. Ich verabschiede mich: «Tschüss zäme. Es war grande.»