Flavio Caserta gehört zu den grössten Fussballhoffnungen im Freiamt. Im Januar verlor der 20-Jährige beide Eltern bei einem Autounfall. Gemeinsam mit seinem Bruder Loris spricht er über das Erlebte. Und was er fussballerisch erreichen möchte.

Fünf Polizisten stehen in seinem Wohnzimmer. Flavio Caserta sitzt alleine am Tisch. Sie überbringen ihm eine schicksalshafte Nachricht, die sein Leben verändert. «Stimmt das? Sind Sie sicher? Stimmt das?», fragt Flavio Caserta immer und immer wieder. Er steht unter Schock.

Sein Bruder Loris (22) ist im Urlaub in Österreich und auf dem Nachhauseweg, als auch er diese Nachricht erhielt. An jenem Sonntagabend des 28. Januar 2024 sterben die Eltern Patrizia und Salvatore bei einem Autounfall. Und das nur wenige 100 Meter von ihrem Wohnort in Rottenschwil entfernt. «Überrumpelt», habe er sich gefühlt. «Es war heavy, schwierig, unglaublich traurig.»

Ziel ist nach wie vor der Profifussball

Die Kälte des Januars ist gewichen. Der Frühling ist da. Es ist ein Freitagmorgen im Mai 2024. In der Terrassenwohnung in Rottenschwil sitzt Flavio Caserta alleine am Tisch. Er spricht gerade über seine grosse Leidenschaft, den Fussball. Die Worte sprudeln aus ihm heraus, er kann auch wieder lachen. Seine Saison beim SC Kriens hat ihn weitergebracht im Fussball. «Ich spüre viel Vertrauen. Ich durfte oft spielen», sagt der Aussenläufer, der in 26 Spielen der 1. Liga Promotion zum Einsatz kam. Caserta ist ausgeliehen vom FC Aarau, wo er noch bis 2025 einen laufenden Vertrag hat. Caserta erlebte im Jahr 2020 mit 16 Jahren sein Challenge-League-Debut mit dem FC Aarau. Klar, dass er zurückwill in diese Liga. «Mein Ziel ist es nach wie vor, in der Profiliga Fuss zu fassen.»

Die Leidenschaft zum Fussball wurde ihm in die Wiege gelegt. Vater Salvatore kickte einst gemeinsam mit Ciriaco Sforza beim FC Wohlen. Er war Nachwuchstrainer bei der Fussballschule Waltenschwil, betreute jahrelang die Ballkinder beim FC Wohlen zu Challenge-League-Zeiten. Mutter Patrizia spielte bei der Frauenmannschaft in den Niedermatten. Auch der ältere Bruder Loris war im Nachwuchs des FC Wohlen.

Die Eltern haben in Wohlen ihre Wurzeln. Die Familie wohnt bis 2019 in Hermetschwil-Staffeln, ehe sie in Rottenschwil ihr neues Zuhause findet. Fussballerisch ist und bleibt Flavio Caserta eng mit dem FC Wohlen verbunden. Ist eine Rückkehr zum FC Wohlen ein Thema? «Jetzt nicht», meint Caserta, der zu 60 Prozent als Logistiker in Obfelden arbeitet. «Aber irgendwann vielleicht.»

Unterstützung von vielen Seiten

Ob man will oder nicht, man landet im Gespräch mit Flavio Caserta unweigerlich wieder an diesem Sonntagabend im Januar. Tagsüber war er bei seiner Freundin in Aarau. Abends wollte er gemeinsam mit den Eltern in Rottenschwil zu Abend essen. «Meine Eltern gingen Tennis spielen», sagt er. Auf dem Heimweg wird Flavio Caserta kurz vor seinem Zuhause von der Feuerwehr umgeleitet. Auf der Mohrentalstrasse zwischen Hermetschwil-Staffeln und Aristau ist es zu einem schweren Unfall gekommen. Als er zu Hause ankommt und sich die Eltern verspäten, versucht er den Vater anzurufen, schreibt den Eltern Nachrichten. Sie bleiben unbeantwortet. Um 20 Uhr kam die Polizei zu fünft in sein Wohnzimmer.

Die Nachricht vom Tod seiner Eltern hat ihm den Boden unter den Füssen weggezogen. «Ich bin in ein Loch gefallen», sagt er. An den Tagen danach geht er viel spazieren, er muss nachdenken, trauern, reden. Das Umfeld rückt zusammen, die Verwandtschaft umsorgt die beiden Brüder. Die Freundinnen der Caserta-Brüder und deren Familien werden zu wichtigen Stützen. Die Nachbarn bieten ihre Hilfe an. Viele Trauerbekundungen und Hilfsangebote flattern in den Briefkasten oder auf das Handy.

Flavio Caserta ist beeindruckt. «Die Hilfe kam von vielen Seiten. Sie schenkten uns Wärme, Umarmungen, Essen. Trotz des grossen Verlustes war das sehr schön.» Auch der SC Kriens hilft. «Ich habe viel Energie vom Team gespürt.» Die grosse Hilfe und Solidarität von allen Seiten sei eine «schöne Geschichte im grossen Unglück».

Tragödie hat die Brüder zusammengeschweisst

Sein älterer Bruder Loris kommt durch die Tür und setzt sich ebenfalls an den Tisch. «Ich bin der grösste Fan von Fla. Und ich bin sehr stolz auf ihn», sagt er. Sein Bruder betreibe «viel Aufwand für den Fussball. Und es zahlt sich aus, er wird immer noch besser.» Auch Loris hat Fussball gespielt, war Captain der A-Junioren beim FC Wohlen. «Ich habe dann auf den Job gesetzt und spiele nicht mehr Fussball», so der Bankier.

Die Caserta-Brüder

Als Loris und Flavio sich in die Augen blicken, erkennt man, wie tief diese beiden jungen Männer verbunden sind. Als Brüder, als Freunde, als Menschen, die gemeinsam Dinge erlebt haben, die sie unzertrennlich verbinden. «Durch den Tod beider Eltern mussten wir noch etwas schneller erwachsen werden», sagt Loris. Sie organisierten die Trauerfeier, erledigten die Papierarbeit, die ein Todesfall mit sich bringt. Natürlich, sie hatten Hilfe. Und dennoch: «Das hat zusammengeschweisst», sagen beide.

An diesem sonnigen Tag im Mai wird klar, dass es den Caserta-Brüdern besser geht. Sie sind in der Terrassenwohnung in Rottenschwil geblieben. Zu viele Erinnerungen an die Eltern sind dort – und sie möchten diese behalten. Im Alltag haben sie sich bestens organisiert.

Ein Ämtliplan regelt, wer einkaufen geht, wer putzt oder die Pflanzen giesst. «Wir gehen diese Herausforderung an. Gemeinsam. Aufgeben ist keine Option. Bislang klappt es», sagt Loris. «Wir gehen das positiv an, das haben wir von unseren Eltern gelernt», sagt Flavio. Besonders die Mutter war bekannt als Frohnatur. «Dinge, die sie uns seit unserer Geburt mitgegeben haben, haben jetzt noch mehr Wert erhalten», sagt Loris.

Einen Monat lang Pause vom Sport

Nach dem Tod seiner Eltern machte Flavio Caserta einen Monat lang Pause vom Sport. «Irgendwann wollte ich wieder unter die Menschen kommen, die Teamkumpels sehen und Fussball spielen», sagt er. «Der Fussball macht mich glücklich. Beim Fussball konnte ich vergessen und die Trauer überwinden.» Bruder Loris meint: «Unsere Eltern hätten gewollt, dass wir weitermachen und nicht aufgeben.»

Beide wollen die schönen Momente mit ihren Eltern in Erinnerung halten. Es ist das, was ihnen bleibt. «Immer wenn ich auf den Fussballplatz laufe, schicke ich Grüsse in den Himmel und denke an sie», sagt Flavio Caserta. Einen Tag vor dem Unfall kamen seine Eltern an ein Testspiel des SC Kriens. Patrizia und Salvatore Caserta hatten reservierte Sitze im Stadion. Flavio gibt zwei Torvorlagen. «Sie sahen mich noch einmal gut spielen. Am Abend sind wir dann gemeinsam Essen gegangen. Wir haben uns umarmt. Es war schön, wie immer», erzählt er. Jetzt bleiben die Sitze im Stadion in Kriens leer. «Aber hey, ich bin noch da», sagt Bruder Loris, der fast bei jedem Spiel mit dabei ist.

Sie müssen beide lachen. Sie wirken lebensfroh, voller Tatendrang für die Zukunft, sie haben ihr Lachen wiedergefunden. «Die Fröhlichkeit ist nicht weg. Mama und Papa hätten es so gewollt», sagen die Brüder.